Ein Genie und seine Stadt

Albert Einsteins Berliner Zeit

Für den Tagesspiegel

hoffmanneinsteins-berlinAls im Januar 1933 den Nationalsozialisten die Macht über Deutschland angedient wurde, weilte der angesehenste Naturwissenschaftler des Landes und bekennende Pazifist in den Vereinigten Staaten. Fraglos zu seinem Glück. Albert Einstein blieb im Exil, und er sollte auch nie wieder an den Ort zurückkehren, der ihm fast 20 Jahre Heimat war: Berlin. Hier hatte er von 1914 an gelebt, geliebt, geforscht, die Relativitätstheorie zur Reife gebracht und sich für Vernunft und Menschenrechte eingesetzt. Zwei Dekaden später waren die Grundlagen für all dies hinweggefegt worden. Einsteins Vertreibung aus Deutschland ist ein prominentes Beispiel für den von den Nazis betriebenen antiintellektuellen und antihumanistischen Kahlschlag in Deutschland, der bis heute nachhallt.

Mit Dieter Hoffmann hat sich einer der renommiertesten deutschen Wissenschaftshistoriker den zwei Jahrzehnten gewidmet, die Albert Einstein, 1879 in Ulm geboren, in Berlin und Umgebung verbracht hat. Sein Buch „Einsteins Berlin“ umfasst Wohnorte und Wirkungsstätten des Physikers, Institutionen, die mit dessen politischem Engagement verbunden sind, sowie das Kapitel „Freunde und Familienangehörige“. Hoffmann schildert dabei nicht nur das öffentliche und wissenschaftliche Schaffen mit großer Detailgenauigkeit. Er gewährt auch einen Einblick in Einsteins Leben, kommt dem großen Geist auch privat näher, als es dieser wohl als angenehm empfunden hätte. Man lernt: Auch Genies sind normale Menschen mit ganz menschlichen Sorgen und Fehlschlüssen – und im Falle Einsteins obendrein extrem sympathisch.

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Einsteins Sommerhaus in Caputh wird seit 2007 von den Einstein-Stipendiaten genutzt und kann zuweilen auch besichtigt werden.

Einsteins die längste Zeit sehr angenehmes Berliner Leben verknüpft sich in einem großen Radius mit Orten in Mitte und Dahlem, Schöneberg und Wilmersdorf, Treptow und Charlottenburg, Reinickendorf und Kreuzberg, Spandau, Potsdam und Caputh, wo er ein heißgeliebtes Sommerhaus bezog – das er aber nur noch drei Sommer lang genießen konnte. Die Zeitspanne seines Aufenthalts umfasst den Ersten Weltkrieg und die Revolution von 1918/19, die Zuerkennung des Nobelpreises an Einstein 1922 sowie Aufbau und Zerfall der Weimarer Demokratie. Das Haus in Caputh und sein erstes Wohnhaus in der Dahlemer Ehrenbergstraße 33 sind die einzigen Wohnstätten, die heute noch stehen, weil sie den Zweiten Weltkrieg überstanden haben. Die Wittelsbacherstraße 13 und die Haberlandstraße 5 – heute steht dort ein Neubau mit der Nummer 8 – gibt es so heute nicht mehr.

Jedoch besteht der große Mehrwert von Hoffmanns Buch nicht darin, dass der Autor ein Abklappern von Gedenkorten betreibt. Vielmehr wird entlang dieser Orte, Institutionen und Personen die Geschichte einer schwierigen, aber nicht unleidenschaftlichen Beziehung erzählt: jener Einsteins zu Berlin. Diese begann 1913 mit einer Einladung, die für den aufsteigenden „Star am Physikerhimmel“ (Hoffmann) als Blankoscheck für ein allein der Forschung gewidmetes Leben gedacht war und von diesem auch so verstanden wurde: „Ostern gehe ich nämlich nach Berlin als Akademie-Mensch ohne irgendwelche Verpflichtungen, quasi als lebendige Mumie.“ Seinerzeit war Berlin, insbesondere in der Physik, der wissenschaftliche Hotspot. Einstein konnte hier Umgang pflegen mit Koryphäen wie Max Planck, der der Relativitätstheorie allerdings skeptisch gegenüberstand.

 

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Gedenktafel an Einsteins Wohnhaus in Dahlem.

Mit „Kritik“ ganz anderer Art hatte Einstein auch schon lange vor 1933 zu kämpfen: Er war prominentes Ziel antisemitischer und antiintellektueller Angriffe. Hinzu kamen sein Einsatz für Menschenrechte, Pazifismus und eine Aufgeschlossenheit sozialer Politik und sozialistischen Ideen gegenüber, was seine Gegner zusätzlich anheizte. Das Buch erzählt auch von diesem Teil von Einsteins Berliner Realität. Doch gingen derlei Angriffe, was schlimm genug wäre, nicht nur gegen den Menschen Einstein; auch dessen wissenschaftlichen Leistungen und namentlich die Relativitätstheorie wurden in verunglimpfender Absicht als bolschewistisch und jüdisch markiert und damit in Frage gestellt.

Albert Einstein blieb, als ihn 1932/33 eine Reise nach Amerika führte, ähnlich wie Thomas Mann, gleich dort. Auch seine Werke wurden symbolisch verbrannt, 1934 wurde er „strafausgebürgert“. Sein Entsetzen über den Holocaust ließ ihn zeitlebens nicht wieder nach Deutschland und Berlin zurückkehren. Im September 1920 hatte er noch bekannt, dass „Berlin die Stätte ist, mit der ich durch menschliche und wissenschaftliche Beziehungen am meisten verwachsen bin. Einem Ruf ins Ausland würde ich nur in dem Falle Folge leisten, daß äußere Verhältnisse mich dazu zwingen.“

 

Dieter Hoffmann:
Einsteins Berlin
verlag für berlin-brandenburg, 2018

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