Berliner Urknall. Zwischen Französischer Revolution und Restauration erblüht das kulturelle Berlin

Rezension für den Tagesspiegel

9783462318449Berlin trennen von Weimar nicht allein 300 Kilometer, die zwei Städte repräsentieren ganz unterschiedliche Welten. Das war um das Jahr 1800 nicht anders als heute. Auf ihre Art spielen beide eine herausragende Rolle in der deutschen Geschichte, in der deutschen Kulturgeschichte zumal. Zumeist steht das kleine Weimar dabei im Schatten der Metropole Berlin. Einmal in seiner Historie allerdings überstrahlt das thüringische Residenzstädtchen selbst die Hauptstadt Preußens. Vier Lichtgestalten – Goethe und Schiller, Wieland und Herder –zur gleichen Zeit am gleichen Ort verdankt Weimar seinen bis heute andauernden Ruf als Zentrum der Deutschen Klassik, die daher nicht selten gleich Weimarer Klassik genannt wird.

Während aber die vier großen Dichter und Denker, exponentiell verstärkt durch den Ruhm der jeweils anderen und ausgehalten durch das ansässige Fürstenhaus in einem geschützten Raum wirken, entsteht zur gleichen Zeit in Berlin ein gänzlich anders gearteter Kultur-Cluster – der es, als Berliner Klassik, aber durchaus aufnehmen kann mit Weimar, wie die Germanistin Marie Haller-Nevermann in ihrem neuen Buch eindrucksvoll darstellt. Das titelgebende Bonmot Jean Pauls über Berlin, „Mehr ein Weltteil als eine Stadt“, zeigt auch gleich den größten Unterschied: Die Berliner Klassik ist nicht „klassischer“ oder wichtiger, sie ist jedoch vielfältiger, facettenreicher und kosmopolitischer.

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Der finanziell stets reichlich klamme Gendarmenmarkt-Anwohner E.T.A. Hoffmann im Selbstporträt.

Haller-Nevermann breitet ein teils chronologisch und zugleich nach herausragenden Protagonistinnen und Protagonisten sortiertes Panorama des kulturellen Berlins des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts aus. Ihre Auswahl unterstreicht dabei den Facettenreichtum der Kulturlandschaft gegenüber der rein literarischen in Weimar: Von den Architekten Langhans und Schinkel, dem Bildhauer Schadow, dem Schauspieler, Dramatiker und Regisseur Iffland, den Musikern Fasch und Zelter, den Literaten Moritz, Tieck, Wackenroder, Kleist und Hoffmann und dem Universalgelehrten Humboldt spannt die Autorin den Bogen bis zu den, heute würde man vielleicht sagen: Kulturmanagerinnen und Networkerinnen Rahel Levin Varnhagen und Henriette Herz, deren Salons als Treffpunkt der Intelligenz eine gar nicht zu überschätzende Bedeutung innehatten.

Im Grunde bilden sie sogar die Blaupause für die These des Buches: Während in Weimar ein fast wirklichkeitsentfremdeter Musenhof bestand, bildete sich zur gleichen Zeit in Berlin das Fundament einer kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Großstadtkultur des Bürgertums heraus. Die zugleich mit allen Problemen konfrontiert war, die das zu dieser Zeit mit sich brachte, etwa die dräuende Armut einer modernen Künstlerexistenz wie bei Karl Philipp Moritz, E.T.A. Hoffmann und Heinrich von Kleist. Es traten nun aber auch endlich Frauen hervor, Jüdinnen und Juden wurden nicht mehr nur ausgegrenzt, auch Aufsteiger aus dem Kleinbürgertum konnten Aufmerksamkeit gewinnen, und es entstand eine Öffentlichkeit namentlich etwa durch Kleists Zeitungsgründungen oder Ifflands Nationaltheater. Erst die ab 1815 folgende, repressive Restauration der absolutistisch-höfischen Vormachtstellung durch Metternich und seine Zensoren bringen diesen Aufbruch, vorläufig, zum Stillstand.

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Im 1827 eröffneten Gebäude der Berliner Singakademie residiert heute das Maxim-Gorki-Theater.

Haller-Nevermann erzählt anhand von Personen die Geschichte nicht nur einer Stadt im Aufbruch, sondern auch des Bürgertums dieser Stadt, die die gewonnenen Erkenntnisse und Freiheiten hinaustragen wird ins Land. All die Verbindungen der Protagonisten und anderer Persönlichkeiten untereinander, die zeitlichen Abläufe, die historischen Hintergründe gingen verloren, würde die Autorin sie einem nicht an der richtigen Stelle stets erneut an die Hand geben. Dies und das Buch insgesamt laden zudem dazu ein, sich näher zu beschäftigen mit den Werken jener Zeit, literarischer, musikalischer oder anderer Art, wie sie in Berlin, etwa in Form des Brandenburger Tors oder der Singakademie, steinern noch heute das Stadtbild prägen.

 
 

Marie Haller-Nevermann
„Mehr ein Weltteil als eine Stadt“
Galiani Berlin, 2018

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