„Heimliches Berlin“ – Franz Hessels Roman von 1927

Im Dreieck der Liebe

Rezension für den Tagesspiegel, 11.1.2018

Franz Hessels nun wiederveröffentlichter Roman „Heimliches Berlin“ von 1927 hat autobiografische Züge.

Berlin ist ja immer irgendwie im Suchen, Finden und Umorientieren begriffen. Aber zu keinem Zeitpunkt ihrer nun fast 800-jährigen Geschichte war diese Stadt so experimentierfreudig, ja pubertär wie in den Zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Man nennt diese Ära oft golden, obwohl sie heute eher in Schwarz-Weiß auftritt: auf Fotos und in Filmen. Dass sie in Berlin jedoch vor allem kunterbunt war, zeigen die zeitgenössische Malerei, etwa von Grosz, Mammen oder Dix, und die Literatur: Fallada, Keun, Kästner, Tergit.

Auch Franz Hessel lebte in der Zwanzigern als Lektor, Übersetzer und Autor in Berlin, in Tiergarten, wo er als Kind aufgewachsen war, bevor es ihn in die weite Welt, nach München und Paris, gezogen hatte. Heute ist Hessel vor allem für dreierlei bekannt: für seinen Sohn, den Résistance-Kämpfer und Politiker Stéphane Hessel, sodann als Flaneur mit feiner, stets melancholisch angehauchter Beobachtungsgabe des urbanen Lebens, die er in „Spazieren in Berlin“ von 1929 in poetische Prosa zu gießen wusste, und als der reale „Jules“ in Truffauts Film „Jules und Jim“.

Roman von Franz Hessel in der Erstausgabe von 1927, Ernst Rowohlt, Berlin.
(Foto: Kurt Tucholsky Literaturmuseum, CC BY-NC-SA)

Wie dort steht auch in Hessels „Heimliches Berlin“ von 1927 eine Dreiecksbeziehung im Mittelpunkt, die es im Leben des Autors ja tatsächlich gegeben hatte, weshalb eine autobiografische Lektüre genauso legitim ist, wie sie andererseits zu kurz gegriffen wäre. Denn neben der Hinundhergerissenheit einer Frau, und Mutter, zwischen ihrem verkopften Ehemann und dem sprunghaften Adelsspross Wendelin spielt vor allem die Stadt die Hauptrolle, vor und hinter deren Kulisse derlei bis dato als anrüchig Geltendes überhaupt erst diskutabel werden konnte: Berlin – Babylon, Sodom und Utopia in einem.

Der mittellose Bohemien Wendelin hat viele Verehrerinnen und verehrt seinerseits, so scheint es, jeden Tag eine andere Frau. Besonders angetan hat es ihm die Professorengattin Karola, die ihrerseits das Leben und Wendelins Aufmerksamkeit genießen will, jedoch nicht recht aus ihrer bürgerlichen Haut kann. Der Traum nach Ferne und Abenteuer trifft bei ihr auf den Wunsch nach Nähe und Glück. Karolas Ehemann Clemens indes, Philologe und ausgemachter, heute würde man wohl sagen: Stubenhocker und Nerd, weiß um beider Charakterzüge und schwebt, nur nach außen selbst- und trieblos, über den Dingen. Ein Beobachter der Szenerie fasst im Roman treffend zusammen: „Ach, in diesem Hause verstehen sich alle gut aufs Lieben, aber die Kunst, sich lieben zu lassen, wollen sie nicht lernen.“

Aus dieser Grundkonstellation heraus und vor dem Hintergrund der schweren Inflation, die soziale Unterschiede vielfach egalisiert hat, kommt es einen erzählten Tag lang zu Begegnungen mit Zwanziger-Jahre-Berlin-Personal an allerlei Orten und Etablissements des „alten Westens“. Es tut sich eine Vielfalt der Lebensentwürfe auf, die die Emanzipation einer Bürgergesellschaft von sich selbst und ihren traditionellen Werten darstellt, die bis heute fortwirkt, ohne jemals vollendet worden zu sein. Die Zwanziger sind in Berlin vor allem deshalb so legendär, weil dieser Grad an avantgardistischem Glanz, bei allem zeitgleich vorhandenen Elend, hier später nie wieder erreicht wurde.

Franz Hessel (1880-1941) als junger Mann

„Heimliches Berlin“ ist ein kurzer, sehr dicht erzählter und zugleich wunderbar unterhaltsamer Roman, der wie in einem Reigen in 13 Szenen vorführt, wie eine Gesellschaft aus Künstlern und Lebenskünstlern, Reichen und Prekären, Intellektuellen und Hedonisten ihre gemeinsamen und individuellen Wünsche und Regeln an den modernen Realitäten misst. Verführerische Gelegenheiten lauern nicht nur, aber vor allem für einen Schönling wie Wendelin an jeder Ecke. Das muss natürlich zwangsläufig mit dem an der Romantik geschulten Begriff von Liebe kollidieren. Die Auflösung erfolgt schließlich durch Clemens und seinen aufgeklärten Geist – aber sicher nur vorläufig.

In der realen Welt hingegen setzte nicht Aufklärung, sondern der Faschismus der Nazis dem experimentellen Gesellschaftslabor Berlin ein Ende. Hessel erhielt zunächst Berufsverbot, floh dann vor weiterer Verfolgung und starb 1941 in der südfranzösischen Exilantenhochburg Sanary-sur-Mer. Seine Verdienste um die Berlin-Literatur, seine sensible Sprache und Beobachtungsgabe haben sich glücklicherweise noch lange nicht überlebt.

 

Franz Hessel:
Heimliches Berlin.
Lilienfeld Verlag.
160 Seiten, 18,90 Euro

 

 

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