Moritz Bauer: „Kasan ist überragend!“ – Interview mit dem österreichischen Nationalspieler

Der Fußballprofi Moritz Bauer spielt seit Januar 2018 in England bei Stoke City. Ins österreichische Nationalteam gespielt hat er sich bei seiner vorherigen Station: beim russischen Erstligisten Rubin Kasan. Kasan wird auch eine der Gastgeberstädte der WM 2018 in Russland sein (->zur Reportage aus Kasan). Im Interview schwärmt Moritz Bauer von Kasans Innenstadt, Spielen gegen Spartak Moskau und der russischen Fankultur.

Interview für den ballesterer und den Standard (entstanden unter der stets geschätzten Mitarbeit von Mandy Ganske-Zapf)

Moritz Bauer im Trikot von Rubin Kasan
(Foto: Кирилл Венедиктов – soccer.ru, CC BY-SA 3.0)

Maximal sechs Ausländer dürfen je Mannschaft in einem Spiel der russischen Liga eingesetzt werden. Mit großer Regelmäßigkeit war einer davon Moritz Bauer. Bis zum Januar 2018 spielte der Außenverteidiger beim Meister von 2008 und 2009, Rubin Kasan. Der ballesterer erreichte ihn nach dem abendlichen Kraftraumbesuch per Videotelefonie in seiner Kasaner Wohnung, wenige Tage nach dem endgültigen Aus der österreichischen WM-Träume.

Sie sind seit September österreichischer Teamspieler. Haben Sie ein gutes Gefühl, dass es dabei bleibt?

Moritz Bauer: Ich komme sofort ins Schwärmen, wenn ich vom Nationalteam rede. Natürlich sind wir alle geknickt, dass es mit der Qualifikation nicht geklappt hat. Der ÖFB hat jetzt viele Umbrüche vor sich. Wir hoffen aber, dass die ganze Personalpolitik schnell wieder in den Hintergrund rückt und wir mit dem Sport positive Schlagzeilen schreiben können. Wir müssen wieder erfolgreicher spielen und uns für das nächste große Turnier qualifizieren.

Glauben Sie, dass Ihr Wechsel zu Rubin Kasan Sie erst ins Blickfeld des Nationalteams gebracht hat?

Bauer: Kasan ist jetzt nicht das Schaufenster schlechthin. Wahrscheinlich war diese Entscheidung für mich wichtiger als fürs Nationalteam.

Wie gefällt Ihnen Kasan?

Bauer: Sehr gut. Das Zentrum ist fast schöner hergerichtet als in Europa: die Parks, die Flussufer, die Boulevards. Die Architektur ist verschnörkelt. Verlässt man das Zentrum, ist es wieder eine andere Geschichte. Aber alle Vorurteile, die man über Russland hat, werden nicht nur nicht bestätigt, sondern widerlegt. Jeder, der mich besucht hat, ist staunend wieder nach Hause gefahren. Der eine oder andere Freund hat gesagt: „Ich kann absolut verstehen, warum du dich so wohlfühlst.“ Zur WM wird noch einmal unglaublich viel investiert und aus dem Boden gestampft werden.

Sie sind von Zürich nach Russland gewechselt. Fehlen Ihnen Familie und Freunde?

Bauer: Ich habe überhaupt kein Problem damit, allein zu sein. Das heißt ja nicht, dass ich einsam bin. Vom Typ her passt das für mich. Daher war es auch einfacher, mich so weit weg von Familie und Freunden zurechtzufinden. Außerdem mag es von Tür zu Tür jetzt ein bisschen weiter weg sein, aber dank der modernen Technik verliert man sich ja nicht aus den Augen.

Nehmen Sie Kasan eher als russische oder als tatarische Stadt wahr?

Bauer: Ich würde es schon als russische Stadt bezeichnen. Wenn man einen Tataren fragt, sieht er Kasan sicher als Hauptstadt von Tatarstan. Aber eine Spannung, wie sie im tschetschenischen Grosny herrscht, haben wir hier gar nicht. Im Gegenteil: Tataren sind mit Russen verheiratet, das ist gar kein Problem. Es ist ein Gefühl von Miteinander, nicht Gegeneinander.

Gibt es etwas, das Sie an Kasan vermissen würden?

Bauer: Ich bin hier nicht im Urlaub, das ist im Moment nicht unbedingt Heimat, aber mein Zuhause. Sicher würden mir Sachen fehlen, wenn ich wieder wegziehen würde. Auf der anderen Seite hat mir der Wechsel auch gezeigt, dass es ganz gut ist, aus der Komfortzone herauszukommen und den Horizont zu erweitern. In der Eigenverantwortung habe ich einen großen Schritt nach vorne gemacht. In Russland weht zum Teil ein strengerer Wind, da muss man standhalten. Ich glaube, das bringt einen neben dem Sport auch im Leben weiter. Ich bin ein neugieriger Mensch.

Dann passt Kasan, das viele gar nicht auf der Landkarte haben, ja zu Ihnen.

Bauer: Ich hatte es auch nicht auf der Landkarte. Als ich mir die Stadt dann zwei Tage angeschaut hatte, war ich überzeugt. Kasan ist absolut überragend, und auch die Infrastruktur vom Verein ist ein Wahnsinn. Ich hätte es bereut, wenn ich nicht gegangen wäre. Wir haben das WM-Stadion für 45.000 Leute: Das ist ja auch geil, in so einer Heimstätte spielen zu dürfen.

Wie viele Zuschauer kommen denn zu Rubin?

Bauer: Das ist vom Wetter und vom Gegner abhängig: Gegen Spartak Moskau ist es immer der Hammer. Da kommen manchmal über 20.000 Zuschauer. Wenn wir in der Kälte Anfang Dezember gegen einen Absteiger spielen, können es aber auch einmal nur 5.000 sein.

Wie nehmen Sie die Fankultur bei Rubin und in Russland wahr?

Bauer: Die Fankultur ist angenehm, es ist hier gesitteter. Alle, wirklich alle, klatschen bei einer gelungenen Aktion. Die Stimmung finde ich fast besser als in der Schweiz. Mit der deutschen Bundesliga ist das aber noch nicht vergleichbar.

Kann Kasan all die WM-Besucher aufnehmen?

Bauer: Ja, es gibt genügend Unterkünfte, die Infrastruktur ist sehr gut. Der Anspruch ist, Russland im besten Licht zu präsentieren. Da werden die Straßen neu gestrichen, neu geputzt, neu geteert. Es wird alles herausgeputzt, um ein perfektes Bild abzugeben. Alles wird bis ins kleinste Detail reibungslos funktionieren.

Worauf können sich die anreisenden Fans einstellen?

Bauer: Jeder wird hier mit offenen Armen empfangen werden. Die Menschen sind unglaublich gastfreundlich, überhaupt nicht oberflächlich. Das Gemeinschaftsgefühl ist hier viel stärker verankert als in unseren Breitengraden. Jedem, der mich fragt, sage ich: „Du sollst nicht hinfahren, du musst!“

Werden Sie den nächsten Sommer in Kasan verbringen?

Bauer: Ich will auf jeden Fall ein Spiel besuchen: eine WM in der Heimatstadt. Natürlich wäre es schöner gewesen, selbst zu spielen. Aber dann wäre ich auch in einem Hotel gewesen, so kann ich es hautnah miterleben. Das ist vielleicht gar nicht so verkehrt. (Interview: Dennis Grabowsky, Mitarbeit: Mandy Ganske-Zapf, 17.11.2017)

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