„Engel sprechen Russisch“ – Ein Roman über Spätaussiedler

Seit den 1920er Jahren ist der Berliner Bezirk Charlottenburg auch als Charlottengrad bekannt – ein Ort der russischen Diaspora. Hier lebt der russische Autor Mitja Vachedin. Kürzlich erschien sein erster Roman auf Deutsch, dem es an Absurdität und Nachdenklichkeit nicht fehlt.

Rezension für die Moskauer Deutsche Zeitung

Mitja ist dreißig Jahre alt und hat schon drei Leben hinter sich: zehn Jahre sowjetische Kindheit, zehn Jugendjahre im postsowjetischen Russland und zehn Jahre im beschaulichen Westdeutschland. „Genau wie die Zahnpasta aus der Fernsehwerbung bestehe ich aus drei Schichten“, sagt der Ich-Erzähler aus dem soeben erschienen Roman „Engel sprechen Russisch“. Mit dem Autor des Buches, Mitja Vachedin, teilt er sich den Vornamen – und, davon ist auszugehen, auch seine persönliche Geschichte. Wie sein Romanheld ist Vachedin im damaligen Leningrad geboren und lebt heute in Deutschland.

Zuvor hatte er für seine russischsprachigen Texte bereits russische Literaturpreise erhalten. „Engel sprechen Russisch“ ist nun sein erster Roman auf Deutsch.

Der Traum vom Westen

In episodenhaften Einblicken schildert Mitja rückblickend seine Geschichte. Sie beginnt mit den langen Sommern am See in den Achtziger Jahren in Leningrad und Umgebung, mit dem Alkoholikervater und auf der Datscha der Großeltern. Im Russland nach der Zeitenwende erlebt der junge Mann am Rande die Verteilungskämpfe der kriminellen Clans im St. Petersburg der 90er Jahre, schnüffelt Klebstoff, die Trenddroge der russischen Jugend jener Zeit, und geht zur Schule ohne großes Interesse am schulischen Erfolg, eher an dem einen oder anderen Mädchen.

Der große Traum seiner Mutter von einem Leben in Deutschland erreicht Mitja zuerst als Verheißung in Form von Care-Paketen im strengen Winter an der Newa. Und später sind es deutsche Männer, die Mutter und Sohn dem Traum immer näherkommen lassen. Bis er sich schließlich erfüllt: Mitja verschlägt es in die Eifel, wo auf ihn bereits viele andere Landsleute warten – und ein Deutschlehrer, der sich mehr und mehr seinen russischen Sprachschülern annähert. Ihr Sog ist groß, und auch der des Buches ist es.

Ein Jongleur der Sprache

Denn Vachedin kann eines außerordentlich gut: mit der Sprache Bilder zeichnen, die im Kopf des Lesers sofort aufscheinen, im besten Fall an eigene Erinnerungen anschließen und somit ein Eigenleben entwickeln. Mit dem Autor könnte man eine Gemäldegalerie besuchen, sich selbst die Augen verbinden und vom Begleiter die Werke schildern lassen. Anschließend hätte man den Eindruck, die Bilder mit eigenen Augen gesehen zu haben. Das ist für den Roman natürlich sehr einnehmend, vor allem für Menschen, die mit den erzählten Bildern und Ausschnitten etwas anfangen, sie lesen und Gefühle mit ihnen verbinden können.

Dagegen geht es fast ein bisschen unter, dass Vachedin mit Mitja ja eigentlich nur eine relativ normale Lebensgeschichte erzählt, die so und ähnlich vielfach tatsächlich verlaufen ist oder sein könnte. Und auch, dass er zu viel mit dem Mittel des originellen Vergleichs punkten will á la: „Wenn er ein- und ausatmet, ertönt ein Pfeifgeräusch, wie wenn Luft aus einem Gummispielzeug ausströmt.“ Das klingt oft genau so gewollt lässig und originell wie die zahlreichen Auftritte von Mitjas Penis, bei denen sich der Leser fragt: Ist dieser Exibitionismus an dieser Stelle wirklich nötig?

Dennoch: Auch aneinandergereihte Bilder, die man sich während der Lektüre zusammensammelt, ergeben eine Geschichte, eine Biografie, die nicht zuletzt auch das deutsch-russische Verhältnis jenseits von Politik, Wirtschaft und Historie auf das Wichtigste herunterbricht: das Menschliche.

Das russische Berlin

Längst sind viele Menschen in beiden Welten, der russischen wie der deutschen, zu Hause, auch Mitja. Nach dem Studium der russischen Literatur, dem gescheiterten Versuch eines Nabokov‘schen „kleinen russischen Lebens“ in Deutschland, ohne soziale Kontakte, mit einem sinnlosen und eintönigen Job, landet er schließlich in Berlin – natürlich, möchte man sagen, wenn man um die Geschichte des russischen Diaspora weiß, in Charlottenburg – und findet dort in ein Russland zurück, das als absurdes Theaterstück vergeht. Und das man deshalb lieben muss.

Mitja Vachedin:
Engel sprechen Russisch.
Deutsche Verlags-Anstalt.
224 Seiten, 18 Euro

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