Lew Jaschin – Der Löwe von Moskau

Auf die Frage nach dem besten russischen Fußballspieler aller Zeiten ist die Antwort immer die gleiche: Lew Jaschin. Die Torwartlegende der 1960er-Jahre hat sich über die Grenzen der Sowjetunion hinaus nicht nur einen Namen, sondern auch viele Anhänger und Freunde gemacht. Pünktlich zu den russischen Fußballjahren 2017/2018 mit Confed-Cup und vor allem der WM ist nun die erste deutschsprachige Biografie über den vielleicht berühmtesten Moskauer Sportler erschienen.

Der Über-Torwart aus Russland

Dietrich Schulze-Marmeling: „Lew Jaschin. Der Löwe von Moskau“, Verlag Die Werkstatt, Göttingen 2017 272 Seiten, 19,90 Euro

Eine gute Biografie stellt den Menschen in den Vordergrund, eine hervorragende zeigt ihn vor dem Hintergrund seiner Zeit. Insofern ist Schulze-Marmeling eine wirklich lesenswerte Lebens- und Schaffensbeschreibung des russischen Über-Keepers gelungen. Entlang der Karriere Lew Jaschins erzählt das Buch nämlich zugleich die Geschichte des sowjetisch-russischen Fußballs und dessen wechselnder Philosophien und gesellschaftlicher Rezeption im Laufe der Jahrzehnte. So erfährt man beispielsweise von der metaphorischen Rolle, die der Torhüter als Tor-Hüter, mithin Beschützer des Landes und der Familie in der russischen bzw. sowjetischen Ikonografie schon lange vor Jaschins ganz realen Paraden spielte.

Der Moskauer Junge – groß, freundlich, charismatisch, wie man erfährt – personifizierte dieses Ideal auf seine ganz eigene smarte Weise. Obwohl er beim damals vom Publikum eher geschnittenen Geheimdienstverein Dynamo Moskau spielte, gewann er schnell die Herzen der Fußballfans in der Stadt und der Sowjetunion – mit sportlicher Leistung, seinen Charme und letztlich seiner Prominenz, die es ihm erlaubte, auch mal auszuscheren aus der repräsentativen Rolle, die die politische Führung der Sportprominenz als staatssozialistischen Idolen gern versuchte aufzuerlegen.

Mit der Verbreitung des Fernsehens und der Rückkehr der UdSSR auf die internationale Fußballbühne nach jahrelanger selbstgewählter Absenz konnte man den „Löwen von Moskau“, von dem zuvor nur gerüchteweise Wunderdinge durch den Eisernen Vorhang gedrungen waren, endlich auch international bewundern. Bei der EM 1964 wird er mit der Sbornaja Vize-Europameister, spielt in jenen Jahren mehrmals für Europaauswahlmannschaften und beim Abschiedsspiel für Stanley Metthews und glänzt bei der WM 1966 in England, wo die UdSSR erst im Halbfinale knapp mit 1:2 an der Bundesrepublik Deutschland, mit Beckenbauer, Seeler, Schnellinger und Overath, scheitert.

Tatsächlich erschien Jaschins Spielweise den Beobachtern damals wie ein Wunder: der „entsklavte Torwart“, der frech die Torlinie verließ. Was heute ganz normal, auf professionellem Niveau gar unerlässlich ist, war damals eine Sensation. Zwar hat Jaschin den mitspielenden und -denkenden, herauslaufenden und den Ball wegfaustenden, das Spiel eröffnenden und dirigierenden Keeper nicht allein erfunden. Aber er hat, den Begriff „Spiel ohne Ball“ prägend, diese Ideen kombiniert und Bewegungsabläufe perfektioniert. Auch hat er als einer der ersten Torwarthandschuhe getragen.

Spielberichte sowie Erinnerungen von Journalisten und Fußballern wie Uwe Seeler („Jaschin war ohne Zweifel absolute Spitzenklasse – als Fußballer und als Mensch.“) und Franz Beckenbauer („Immer hatte ich den Eindruck: Hier spielt ein Herr.“) an Begegnungen mit Jaschin sowie Schulze-Marmelings Gespräch mit dessen Witwe bereichern das Buch ungemein und machen zudem deutlich, dass der Supertorwart auch ein Supertyp und fairer Sportsmann gewesen sein muss. Damit schrammt der Autor zwar nur haarscharf, aber letztlich souverän an der Heldenverehrung vorbei. Eines Helden, der auch Schwächen hatte: Jaschin war seit dem Teenageralter starker Raucher und verlor später einen Unterschenkel.

Bis heute gilt Lew Jaschin als bester Towart aller Zeiten, die FIFA kürte ihn zum „Torwart des 20. Jahrhunderts“, während der russische Fußball der Gegenwart mit zahlreichen Problemen kämpft. Sein größter Star würde ihm eines mit auf den Weg geben: „Im Fußball können nur diejenigen bestehen, […] die immer bescheiden und entgegenkommend auftreten, sich kritisch sich selbst und den Mannschaftskameraden gegenüber verhalten.“

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