Wer hat die Tauben gegessen?

Die schönsten tschechischen und slowakischen Märchen

Als im 19. Jahrhundert in Deutschland mit den Grimms, Ludwig Bechstein und Co die Hochzeit des Sammelns von Volksmärchen und, mit den Romantikern, auch des Verfassens von Kunstmärchen begann, schwappte dieser Trend durch ganz Europa und erfasste kurz darauf auch Böhmen und Mähren, also die heutige Tschechische Republik, und Oberungarn, wie das heutige Territorium der Slowakei damals noch oft genannt wurde. Heute gehören die Märchen aus Tschechien und der Slowakei zu den hierzulande beliebtesten, man denke nur an die Verfilmungen wie „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“.

die-schoensten-tschechischen-und-slowakischen-maerchenIch hatte das große Vergnügen, gemeinsam mit der slowakischen Kunsthistorikerin Noemi Franeková die schönsten der tschechischen und slowakischen Märchen sammeln und, illustriert von Artuš Scheiner, als Buch herausgeben zu dürfen. Eine Geschichte aus dem Buch habe ausgesucht, um sie hier als kleinen Appetithappen zu servieren. Dieser Text ist darüber hinaus in seiner schelmischen Art sehr exemplarisch für die Märchenwelt der Tschechen und Slowaken. Viel Spaß!

Wer hat die Tauben gegessen?

Die Frau eines Schusters briet zwei junge Tauben, eine für sich und eine für ihren Mann. Sie briet sie fein goldgelb, stellte sie auf den Ofen und ging hinaus. Der Schuster schusterte derweil. Manchmal hob er seinen Riechkolben in die Höhe und sog den lieblichen Duft in sich, der sich rings im Zimmer verbreitete. Schließlich übte der Duft eine solche Macht auf ihn aus, dass er sich nicht länger auf seinem Stuhl halten konnte.

Kaum hatte seine Frau den Fuß vor die Tür gesetzt, sprang er auf und eilte zur Pfanne. Bevor er jedoch nach einem Täublein griff, lauschte er, ob seine Frau nicht in der Nähe sei, und zwar weil er sich vor ihr fürchtete. Er leugnete es zwar, doch war es so. Draußen war alles still. Der Schuster zog in aller Geschwindigkeit ein Täublein aus der Pfanne und verspeiste es.

Der Naschhafte hat genug am Lecken, der Hungrige am Sattessen – das ist ein altes Sprichwort. Aber der Schuster war naschhaft und hungrig zugleich, darum begnügte er sich nicht mit einem Täublein, sondern machte sich ohne weiteres Bedenken auch über das zweite her und aß es auf.

Dann setzte er sich auf seinen Schemel und schusterte weiter. Seine Frau kam in die Stube, und weil es Mittag war, stellte sie die Teller auf den Tisch und trug das Essen auf. Alles ging seinen üblichen Lauf. Als sie jedoch zur Pfanne kam, ging ein Gewitter los. „Wer hat die Tauben gegessen?“ So hallte der erste Donnerschlag.

„Frag mich nicht! Ich nicht, hab ja gar nicht gewusst, dass du welche brätst“, ertönte es zur Antwort. Und so ging es weiter hin und her, Frage auf Frage, Antwort auf Antwort. Der Schuster gab nichts zu, bis er zuletzt sagte, seine Frau müsse wohl die Tauben selbst gegessen haben.

„Nun gut, lassen wir das Streiten! Aber von jetzt an reden wir kein Wort mehr miteinander. Wer zuerst den Mund aufmacht, der ist schuldig, der hat die Tauben gegessen“, entschied die Frau – und so sollte es sein. Von dem Augenblick an war es still im Haus des Schusters Hause. Das ärgerte beide: Die Frau wollte erzählen, der Schuster hätte gern bei der Arbeit gesungen. Doch zu reden anfangen wollte trotzdem keiner.

Drei Tage vergingen, seit sie zum letzten Mal miteinander geredet hatten. Da hielt ein Wagen bei ihrem Häuschen. Ein Diener sprang herab und fragte nach dem Weg zur Stadt. Die Frau hatte bereits den Mund geöffnet, um zu antworten. Aber plötzlich setzte sie sich wieder und zeigte nur mit dem Finger die Richtung, und der Schuster tat dasselbe.

Als der Diener zurückkam, berichtete er seinem Herrn, dass in dem Häuschen zwei Stumme seien. Gleichzeitig lief die Frau, die auf eine Idee gekommen war, aus dem Häuschen und stieg zu dem Herrn in den Wagen. Sie gab ihm zu verstehen, dass sie ihm den Weg zeigen wolle. Der Herr machte Platz, der Kutscher schnalzte, und sie fuhren fort.

Da schrie der Schuster aus dem Fenster: „Frau, meine liebe Frau, fahr nicht weg! Und verzeih mir! Die Tauben habe ich gegessen.“ Seine Frau brach in ein Gelächter aus und erzählte nun dem Herrn die ganze Geschichte. Der Herr lachte herzlich und gab ihr einen Dukaten, damit sie neue Tauben zum Braten kaufen konnte. Von diesen neuen Tauben jedoch bekam der naschhafte Herr Ehegemahl nicht den kleinsten Bissen.

Diese und weitere tschechische und slowakische Märchen finden sich in der soeben erschienen Sammlung „Die schönsten tschechischen und slowakischen Märchen“, ausgesucht und herausgegeben von Noemi Franeková und Dennis Grabowsky.

Die schönsten tschechischen und slowakischen Märchen
Mit Illustrationen von Artuš Scheiner
Bild und Heimat, Berlin 2016
176 Seiten, 9,99€
(bestellen)

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