Hahn und Wurm – Die schönsten Tierfabeln

Ich habe ein Buch herausgegeben! Es versammelt die rund 150 schönsten, wichtigsten und witzigsten Fabeln aus aller Welt und 7000 Jahren Literaturgeschichte – von den Sumerern bis Franz Kafka. Ein bisschen stolz bin ich darauf. Na ja, sehr sogar, weil ich finde, dass die Sammlung gut gelungen und das Buch, garniert mit den klassischen Fabelillustrationen des französischen Zeichners Grandville, wirklich ansehnlich geworden ist.

die-schoensten-tierfabelnUm einen kleinen Einblick in die gesammelten Texte zu gewähren, präsentiere ich hier eine der lustigsten Fabeln. Sie stammt aus der Feder des viel zu früh aus dem Leben geschiedenen Hermann Harry Schmitz (1880-1913), eines der wenigen deutschen Autoren großartiger grotesker Literatur. Viel Spaß!

 

Der Hahn und der Wurm
(von Hermann Harry Schmitz)

An einem Freitagmorgen sagte der Regenwurm nach dem Morgenkaffee zu seiner Frau: »Höre mal, Traudchen, es wird mir hier unten zu muffig, ich krieche ein wenig nach oben, um Luft zu schnappen.« – »Gott, Kaspar«, ängstigte sich die Regenwürmin, »gib nur bei Leibe acht, dass dir nichts passiert. Du weißt, speziell Hühner sind so unglaublich roh und rücksichtslos.« – »Ich bin Fatalist«, sagte der Regenwurm kurz und verabschiedete sich von seiner Frau. Leise vor sich hin weinend, schaute die Gute ihrem Gemahl nach, bis er an der Biegung des Ganges verschwand.
Im Hühnerstall krakeelte zur gleichen Zeit der Hahn mit den Hühnern. »Ich bin den ewigen Körnerfraß leid. Wenn derartig nachlässig für mich gesorgt wird, suche ich mir draußen selbst etwas. Wann hatte ich den letzten Regenwurm?«, fuhr er sein Lieblingshuhn Mathilde an. »Um Pfingsten«, stammelte dieses ganz zerknirscht. Der Hahn warf die Tür ins Schloss und ging auf den Hof.
Der Regenwurm war mittlerweile oben angelangt und hatte gerade das Loch verlassen. »O Schrecken! Ich bin verloren«, murmelte er entsetzt, als er den Hahn gewahrte, der soeben die ersehnte Delikatesse erspäht hatte und in eiligen Schritten auf ihn zukam. Schon bückt sich der Hahn, um sein Opfer zu verschlingen; da richtet sich der Regenwurm in seiner ganzen Länge kerzengerade auf und schnarrt dem Hahn entgegen: »Verzeihen Sie, ich bin eine Stricknadel.«
Der Hahn prallte zurück. Da er nicht gern Stricknadeln mochte, stammelte er verlegen: »Dann entschuldigen Sie, bitte«, machte eine leichte Verbeugung und ging weiter.
Der Wurm lachte sich ins Fäustchen.

Diese und weitere rund 150 Fabeln aus aller Welt und 7000 Jahren Literaturgeschichte finden sich in der soeben erschienen Sammlung „Die schönsten Tierfabeln“, ausgesucht und herausgegeben von Dennis Grabowsky.

Die schönsten Tierfabeln
Mit Illustrationen von Grandville
Bild und Heimat, Berlin 2016
192 Seiten, 9,99€
(bestellen)

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