Raus aus dem Heim, rauf auf den Platz. Flüchtlinge in Berliner Sportvereinen

Für den Tagesspiegel

Copyright Takver Creative Commons CC-by-SA: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.0/legalcode

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Laut und deutlich erklärt Andreas Schulz die Übung. Aber nicht zu laut, gibt der sportliche 42-Jährige zu bedenken, denn das würde bei manchen der Flüchtlingskinder, die er trainiert, traumatische Erinnerungen auslösen. Kurz darauf flitzen die Jungs durch die kleine Schulsporthalle am Eichborndamm. Sie kommen aus Tschetschenien, Afghanistan, und Omar aus Palästina trägt ein Deutschlandtrikot. Jetzt leben sie in einem Heim in Reinickendorf. Für sie bietet der TSV Wittenau einmal wöchentlich eine Sportgruppe an. Das Training hat Vereinsmitglied Schulz übernommen. Ehrenamtlich. Nach dem Aufwärmen jetzt Fußball. „Das sind Straßenkiddies, die spielen richtig gut“, erzählt er. Anfangs seien auch zwei Mädchen gekommen, jetzt leider nicht mehr. Dem hauptberuflichen Polizisten ist die Freude an seiner Aufgabe anzumerken. Wenn man sich Zeit nehme, berichtet er, erzählten die Kinder auch von ihren Geschichten. „Die Vorstellung alleine, was sie erlebt haben! Wenn die Kinder nach dem Sport lächeln, dann weiß ich, dass ich was richtig gemacht habe.“ 4:3, jetzt will Schulz noch mitspielen.

Der Landessportbund Berlin hat ein Programm aufgelegt, das Vereine, die mit Flüchtlingen arbeiten, finanziell unterstützt. Frank Kegler koordiniert und bringt Vereine mit Flüchtlingsunterkünften zusammen. Auch die am häufigsten gestellte Frage hat er geklärt: „Die Flüchtlinge sind über den LSB versichert.“ Erfreulich findet er, dass sich die Vereine so offen zeigen. Allerdings fehle es überall an Geld, und als weiterer limitierender Faktor komme hinzu, dass die Sportanlagen in Berlin total ausgelastet seien. Kegler möchte das als einen Appell an die Berliner Politik verstanden wissen. Insbesondere den Leitungen der Heime ist es wichtig, dass die Angebote möglichst nicht auf ihrem Gelände selbst stattfinden. „Die Leute sollen da raus, andere Orte und andere Menschen kennenlernen“, wünscht sich auch Kegler.

Zu wenige Sportflächen, zu wenige Flüchtlingsunterkünfte – zwei Seiten einer Medaille: In einer Turnhalle in Heiligensee sind geflohene Menschen untergebracht, ohne Privatsphäre, ohne angemessene sanitäre Anlagen. Als sich von dort eine Gruppe Männer beim Nordberliner SC vorstellt und fragt, ob man in der Fußballabteilung mittrainieren dürfe, zeigt sich auch dieser Verein sofort offen. Geschäftsführer Henry Mazatis nimmt die Sache in die Hand, organisiert lokale Sponsoren für die Ausrüstung. „Die wollten da einfach mal raus und sich bewegen.“ Über Wochen trainieren die sechs jungen Männer mit. Doch plötzlich ändert sich alles, sie werden kurzfristig verlegt und leben nun in Spandau, „unter hoffentlich menschenwürdigeren Bedingungen“, wünscht sich Mazatis. Ungewissheit und fehlende Planungssicherheit machen es den Vereinen nicht leicht. Für die Geflohenen sind sie nervenzehrender Alltag.

Iman Kashan wüsste davon ein Lied zu singen – tut es aber nicht. Seit drei Jahren lebt der ehemalige Profitorwart in Berlin, nachdem er aus dem Iran fliehen musste. Über Deutschland, das seinen Asylantrag vor sich herschiebt, weiß der 29-Jährige nur Gutes zu berichten. Da er nicht vollumfänglich arbeiten darf, gibt er Training für Flüchtlingskinder beim Projekt „Champions ohne Grenzen“, das mit stadtweiten Fußballangeboten bei der Integration hilft. Viele seiner Schützlinge kennt er gut: Sie wohnen in der gleichen Unterkunft wie er. Gerade beginnt er mit einer Gruppe 6- bis 13-Jähriger aus Syrien, Afghanistan, dem Iran mit dem Training. Anfangs seien auch hier Mädchen dabei gewesen. Neben dem Platz am Vorarlberger Damm in Schöneberg stehen Mia Wyszynski und Gerd Thomas. Er ist 2. Vorsitzender des hier beheimateten FC Internationale, die ehemalige U18-Auswahlspielerin Wyszynski arbeitet im Team mit Kashan als Trainerin. Fußball sei ein hervorragendes Instrument, um in Kontakt zu kommen, finden beide: Die Regeln und Ziele sind überall auf der Welt die gleichen. Was hier passiere, sei beste Integrationsarbeit, insistiert Thomas.

Frank Kegler vom LSB freut sich über die große Solidarität der Berliner Vereine mit den Flüchtlingen. Schade sei, dass es bisher praktisch nur um Fußball ginge. „Und wir brauchen mehr für Mädchen.“ Kegler würde sich auch wünschen, Kampfsportler zu finden, die mit Flüchtlingen trainieren wollen. Kampfsport könne helfen, Aggressionen zu kanalisieren, die sich aufgrund der Erfahrungen von Flüchtlingen verständlicherweise aufstauen würden. Auch im Erwachsenensport ist das Angebot für Geflohene bislang noch nicht sehr breit. Kegler sieht zum Beispiel im Trainerbereich ein großes Potenzial, weshalb er Interessierte unter den Flüchtlingen einlädt, die Trainerlehrgänge der Sportschule des LSB am Sachsendamm kostenlos zu besuchen.

Mia Wyszynski von „Champions ohne Grenzen“ und Gerd Thomas vom FC Internationale denken derweil über die politische Dimension ihres ehrenamtlichen Engagements für Flüchtlinge nach – und vor allem die mangelnde Unterstützung. „Es fehlt an Geld“, sagt Thomas. Zwar sei man dankbar für jede kleine Förderung vonseiten der Politik, aber, spitzt Wyszynski zu, das sei eher „ein moralisches Feigenblatt für eine ansonsten sehr traurige Flüchtlingspolitik“. Die Politik werde ihrer Verantwortung nicht gerecht und vertraue stattdessen „auf Idioten wie uns, die das hier alles in ihrer Freizeit machen“, ergänzt sie lachend und doch ernst. Natürlich mache sie das gern. In einem sind sich Wyszynski, Thomas, Kashan und Schulz einig: Sie lernen von den Kindern mindestens so viel wie die von ihnen.

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