Von Heiratsautomaten und Grunewaldorgien – Eine Rezension

Berlins letzte Geheimnisse – versammelt in einem unterhaltsamen Buch

Für den Tagesspiegel

U1_978-3-87134-795-5.inddEingeladen war nur der engste Kreis. Dennoch kam es heraus: Die hochherrschaftliche Clique um den letzten Deutschen Kaiser traf sich regelmäßig heimlich im Jagdschloss Grunewald zu wilden, ja unflätigen Orgien. Jemand musste sie verpetzt haben. Die Suche nach dem Verräter gerät zum Krimi, aufmerksam verfolgt von einer amüsierten Öffentlichkeit. Doch Berlin hat noch weit mehr Kurioses und Geheimes zu bieten. Das weiß jeder, der den Erzählungen der Einheimischen lauscht. Spukt es tatsächlich im Bethanien? Warum ist es im Örtchen Eiskeller so kalt? Was davon ist Legende? Und was ist wahr und vor allem: warum?

Diane Arapovic geht den Dingen auf den Grund. Für ihre Radiokolumne bei Radio Eins spürt sie „Großstadtgeheimnissen und Landlegenden“ nach. Dass der Name der Goldelse, die ja eigentlich Viktoria heißt und auf der Siegssäule thront, auf einen biedermeierlichen Schmachtroman zurückgeht, und dass dieser Spitzname einen kleinen sozialrevolutionären Akt darstellt, weiß Arapovic dabei genauso aufzuklären wie die Herkunft des roten Marmors im U-Bahnhof Mohrenstraße und eben die Gerüchte über Skandalöses im Grunewald. Aus ihren Kolumnen hat die Reporterin jetzt das Buch „Honeckers Guckloch und das verschwundene Stück Kudamm. Berlins letzte Geheimnisse“ gemacht, das die Radiostücke in punkto Hintergrundinformationen noch übertrumpft.

Es gelingt ihr sogar, Kurioses innerhalb des Kuriosen herauszustellen. So erinnern sich wohl die meisten noch an die historischen Personenwaagen auf manchen Berliner U-Bahnhöfen. Trat man auf sie und fütterte sie mit Münzen, spuckten sie zum Dank einen Zettel mit dem Gewicht des Nutzers aus. Sie waren ein skurriles, schönes Denkmal an die Zeit um die Wende zum 20. Jahrhundert – bis 2011 plötzlich die letzten 27 der einst 58 Waagen auf Nimmerwiedersehen verschwanden. Wohin, weiß Arapovic, soll hier jedoch nicht verraten werden, aber das schon: Es gab einst tatsächlich Waagen, die zusätzlich zum Gewicht auch eine Tafel Schokolade auswarfen, weil ein Süßwarenhersteller entscheidend an ihrer Entwicklung beteiligt war. Der Trend zur Automatisierung brachte sogar noch Ärgeres hervor: den Heiratsautomat, in dem Fotos von heiratswilligen Damen hingen, Informationen zu Mitgift und Charaktereigenschaften. „Nach Münzeinwurf“, erzählt die Autorin, „zieht man sich das ausführliche Portfolio einer dieser Damen heraus und kontaktiert die potenzielle Zukünftige – vorausgesetzt, sie gefällt. In der umgekehrten Version, also mit heiratswilligen Männern im Schaukasten, soll es diesen Automaten übrigens auch gegeben haben.“

Als waschechter Berliner oder längst eingelebter Zugezogener wird man von den meisten „letzten Geheimnissen“, manchmal auch ihren Lösungen schon gehört haben. Dennoch: Arapovics Buch bleibt erhellend und erheiternd, da die Autorin in den unterschiedlichsten Gewässern fischt, sich nicht allein zum Beispiel im Historischen aufhält. Sie geht den Dingen mit einer so ansteckenden Neugier nach, dass man nach jedem der 36 Stücke gleich das nächste lesen will. Und das geht genau 35-mal gut. Auch wenn dabei zuweilen – anders als beim kaiserzeitlichen Sexskandal vom Jagdschloss Grunewald – ein Geheimnis einfach mal ein Geheimnis bleibt. Aber das ist ja auch gut so.

Diane Arapovic: Honeckers Guckloch und das verschwundene Stück Kudamm. Berlins letzte Geheimnisse.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2015.
240 Seiten, 14,95 Euro.

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