In allen Farben des Regenbogens – Beim Helene-Fischer-Konzert in Berlin

Der deutsche Schlager war halbtot. Seine Rettung kam aus Sibirien. Die Russlanddeutsche Helene Fischer ist derzeit der Megastar im deutschen Musikgeschäft. In diesem Sommer füllte sie republikweit Fußballstadien. In Berlin gleich zweimal.

Für die Moskauer Deutsche Zeitung

Das Berliner Olympiastadion: Wo sonst Blau-Weiß herrscht, leuchtet es schlagertauglich in allen Farben (c) Dennis Grabowsky

Das Berliner Olympiastadion: Wo sonst Blau-Weiß herrscht, leuchtet es schlagertauglich in allen Farben (c) Dennis Grabowsky

Nach etwa zwei Dritteln des Konzerts, die Nacht hat den sommerlichen Himmel über Berlin schon feierlich verdunkelt, schwebt eine Frau durch die Luft, die viele ihrer Fans ohnehin für einen Engel halten. Getragen und gelenkt von einer Seilkonstruktion, singt, winkt und turnt ein Phänomen durch das Olympiastadion der Hauptstadt. „Ich liebe euch“, ruft sie mehrmals diesen Abend. Und dazu hat sie allen Grund, denn ihre Fans haben sie zum derzeit größten deutschen Musikstar gemacht: die Russlanddeutsche Helene Fischer.

Als die gelernte Musicalsängerin vor gut zehn Jahren ihre Karriere als Interpretin volkstümlicher Schlager begann, hätte kaum jemand damit gerechnet, dass sie heute reihenweise Stadien füllt – in Berlin gleich an zwei Abenden hintereinander. 38 Grad heiß ist es am ersten davon. An der Haut der zu drei Vierteln das Stadion füllenden weiblichen Fans haben Tattoo-Studios mit Schnörkeln viel Geld verdient. Der Schweiß fließt, insbesondere bei der offenbar nimmermüden Helene.

Als die Sängerin die Bühne betritt, ist der Jubel groß. Die Lichtregie macht dem Tourneenamen „Farbenspiel“ alle Ehre. Die Ränge leuchten in allen Farben des Regenbogens, manchmal sogar gepunktet. Zum Finale Feuerwerk – und vor dem Stadion lange Reihen von Reisebussen aus der ganzen Republik. „Von hier bis unendlich“, so der Titel einer von Helenes Hits.

Der Schlager war halbtot in Deutschland, ein Zombie, gefangen zwischen Ironie und Gartenlaube. Und dann kam Helene, der blonde Wirbelwind aus Krasnojarsk, Sibirien. Talentiert im Tanzen, begabt als Sängerin, begnadet im Aussehen und als Projektionsfläche: „Fehlerfrei“, so ein weiterer ihrer Titel. Seitdem ist nichts mehr, wie es vorher war.

1988 siedelte Helene Fischer mit ihrer Familie von Sibirien nach Deutschland über / (c) Sandra Ludewig_Universal-Music

Vor allem nicht für sie, geboren 1984 als Jelena Petrowna Fischer, Spross einer wolgadeutschen Familie, die 1941 nach Sibirien deportiert worden war. Mit ihrer Mutter spricht sie noch Russisch, wie man in der TV-Dokumentation „Allein im Licht“ erfahren konnte. Und manchmal singt sie auf ihren Bühnen, die vom Fernsehen bis nach Belgien und Dänemark praktisch überall stehen, auch russische Volkslieder.

Helene Fischers Durchbuch vom Shooting- zum Megastar des deutschen Schlagers kam mit dem Ende 2013 veröffentlichten Discoschlager „Atemlos durch die Nacht“. Am Ende der Show in Berlin erlaubt sie sich ein Späßchen und verschwindet von der Bühne, ohne ihren großen Hit gesungen zu haben. Natürlich macht sie das dann doch noch, zehn Minuten lang. Geschrieben wurde der eingängige Disco Fox-Titel vom 90er-Jahre-Schlagersternchen Kristina Bach, deren Karriere etwa im dem Jahr so richtig begann, als die kleine Helene mit vier Jahren nach Deutschland übersiedelte. 1988 war das.

25 Jahre danach ist Helene Fischer ganz oben angekommen. Je erfolgreicher sie wurde, desto ätzender äußerte sich die kaum verhohlene Missgunst des deutschen Feuilletons. Dabei verkennen dessen Vertreter, dass sie damit so ziemlich das Gleiche liefern wie die Sängerin und ihre Produzenten. Nämlich genau das, was das jeweilige Publikum hören will: anspruchslose Musik die einen, anspruchsvolle Häme die anderen.
Keine Frage, natürlich beruht Helene Fischers Erfolg auf seichtem massentauglichen Discoschlager und der Mainstream-Attraktivität der Interpretin. Aber außer vielleicht Andrea Berg, ihrer zur ewigen Konkurrentin stilisierten Kollegin, schadet das ja niemandem. Kritiker suhlen sich indes in der Selbstbestätigung, um Himmels Willen bloß nicht zur Masse zu gehören. Es sei ihnen gegönnt.

Diese Masse benimmt sich dann nach dem Konzert noch ganz gesittet: Die 60 000 gehen atemlos in die Nacht. Sie erleichtern sich nicht in die Vorgärten des bürgerlichen Berliner Westends, was man von den hier sonst vorbeiziehenden Fußballfans nicht unbedingt immer sagen kann, sondern stellen sich in die Schlange vor der öffentlichen Toilette. Brav, ein bisschen bieder, harmlos – das trifft sowohl auf Helene Fischer als auch auf ihre Fans zu.

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2 Gedanken zu “In allen Farben des Regenbogens – Beim Helene-Fischer-Konzert in Berlin

  1. Schön geschrieben, aber was müsste sie tun, um das Attribut „bieder“ wieder einzubüßen? Und würde es sich lohnen, dies zu tun? ;)

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    • Danke, Marco.
      Ich finde, Helene sollte sich hüten, etwas an ihrem Auftreten zu ändern. Sie hat großen Erfolg damit. Im Schlagergeschäft ist Biederkeit mehr wert als etwa Divenhaftigkeit. Und übrigens ist das meinerseits gar kein schnippisch gemeintes Prädikat.
      Grüße!

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