In schattigen Ecken. Nachrichten aus Sibirien (XXII)

Omsk.2.2014(c)D.Grabowsky
Omsk. So langsam nähert sich mein sibirisches Abenteuer also seinem Ende. Aber noch ist es zu früh für Abschied. Ein ganzer Sommer liegt noch vor mir. Juhu, Sommer! Derzeit ist davon jedoch noch nicht viel zu spüren. Seit Wochen herrscht ein eigenartiger Kampf zwischen Winter und Frühling. Tagsüber, an sonnigen Plätzen wie Dächern und günstig gezogenen Straßen, taut die meterdicke Schneedecke so rekordverdächtig, dass es von den Dächern tropft. Sitzt man in einem Gebäude am Fenster, könnte man meinen, es regnet draußen in Strömen, obwohl doch der Himmel blau ist und die Sonne hell strahlt.

Omsk.Schmelze.3.2014(c)D.GrabowskyNachts und in schattigen Ecken jedoch, manchmal einfach auf der anderen Straßenseite, die aufgrund stadtplanerischer Ungerechtigkeit keine Sonne abbekommt, lauern altehrwürdige Schneeberge, die sich beharrlich jedem Fortschritt, der Schmelze widersetzen. Und dann gibt es da noch die große Mitte, die Mischung zwischen beiden Extremen: Schneematsch, Schlamm, Pfützen, ach, was sage ich, Seen! Auf diese Weise also doch bereits ein kleiner, sehr langer und unerwartet feuchter Abschied. Der Abschied von meinem zweiten sibirischen Winter.

Heute ist der kälteste Tag seit zwei Wochen. Ich bin jedoch mit dem festen Willen aufgestanden, heute den ersten Schritt des Abschieds zu gehen und meine dicke Winterjacke abzulegen. Wenn der Wille über die Vernunft siegt, muss man eben ein bisschen frieren. Aber immerhin setze ich so ein Zeichen.

Vasiliy protestiert: "Ich brauche keinen Krieg. Und du?"

Vasiliy protestiert: „Ich brauche keinen Krieg! Und du?“

Schilder, Zeichen, wilde Zeiten
Ein viel wichtigeres Zeichen setzen unterdessen auch ein paar wenige Omskerinnen und Omsker, nämlich eines gegen Krieg und Potentaten. Während das Gros der Bevölkerung durch die erstaunlich simple und dennoch alles einnehmende Propaganda insbesondere im Fernsehen vereinnahmt, vernebelt oder einfach nur lethargisch geworden ist, trauen manche sich doch zu widersprechen. Mit einem Klick auf diesen Satz kann man das nachlesen.

Wichtig zu erwähnen ist, dass sich Teile der mir zugänglichen deutschen Presse (was für eine verschwurbelt-bescheuerte Formulierung, denn dank Internet ist mir hier praktisch alles zugänglich, was ich will), vor allem aber einzelne politische Akteure, nicht weniger übel äußern als die hiesige Propaganda. Zugegeben: Sie tun es freiwillig, was die Sache allerdings kaum besser macht. Es mag zynisch klingen, aber in einem quasidiktatorischen System zu leben, ist für den vorübergehenden Gast ebenso horizonterweiternd, wie es für die hier lebenden Menschen horizontverengend ist. Letzteres zu beobachten tut mir wirklich weh und leid.

Omsk3.2014_(c)D.GrabowskyLegendenbildung in zwei Akten
Wer in Omsk nicht durch das Fernsehen erreicht wird, den machen Plakate auf die Ereignisse aufmerksam. Auf ihnen steht: „своих – не бросаем!“ Die beste Übersetzung ist wohl: Wir lassen die Unsrigen nicht im Stich! Abgebildet sind die Umrisse Russlands (unten links) und der Krim (oben rechts). Dazwischen spielt sich vor dem Hintergrund einer grünen Wiese, blauem Himmel und weißen Wolken eine herzzerreißende Szene in zwei Akten ab. Akt I: Eine schöne junge Frau (Russland, natürlich) blickt versonnen und liebevoll auf ein süßes, leicht ängstliches, schutzbedürftiges Baby (Krim) und lehnt dabei ihr Haupt auf einen Stapel Bücher (die Geschichte?).

Omsk.Prop.3.2014(c)D.GrabowskyAkt II: Die schöne junge Frau (Mütterchen Russland) hat das Kind (Krim) eingesammelt und trägt es sicher auf ihren Schultern, von Blumen umrahmt und mit offenen Armen dem Betrachter entgegenkommend. Am oberen Rand der Szene fallen die Strahlen der Sonne so günstig auf das Haupt der Mutter, nennen wir sie zum Beispiel Maria, dass das Plakat anmutet wie ein Heiligenbild aus der christlichen Ikonografie. Ich bin ergriffen. Mir laufen Tränen der Rührung über die Wangen, ganz ähnlich wie die Schmelzbäche von den Dächern.

Eine Frage bleibt: Warum wurden geografische Gegebenheiten einfach umgedreht – Russland unten links, Krim oben rechts? Dazu kursieren hier bereits Scherze, dass man es da oben rechts wohl mit dem ja ebenfalls ehemals russischen Alaska zu tun haben müsse, das nun als nächstes von Mütterchen in den warmen Schoß zurückgeholt werden wolle.

Hier verschwimmen Frühstück und Mittagessen: Tee, Bliny und Salat "Korolewskij" mit Roter Beete,

Hier verschwimmen Frühstück und Mittagessen. Tee, Bliny und Salat „Korolewskij“ mit Roter Beete, Mayonnaise, Rosinen und Nüssen: Das Beste vom Besten für den Besten

Und sonst so
Zurückgeholt. Das werde ich auch in absehbarer Zeit. Ich habe bereits damit begonnen, Sibirien zu vermissen. Das ist besonders kurios, solange man noch hier ist: Dinge zu vermissen, die man ja noch hat. Aber vielleicht hilft es mir insofern, als der Phantomschmerz, wenn es dann wirklich so weit ist, nicht zu groß wird. Und schon wieder denke ich Monate voraus und an Abschied. Damit wollte ich doch eigentlich aufhören. Eigentlich, ein tolles deutsches Wort, dessen etliche Subtexte für Nichtmuttersprachler in ihrer Gänze niemals zu erfassen sind.

An die Lieben zu Hause also folgende Mitteilungen: Auf Arbeit ist eigentlich alles wie immer. Gesundheitlich geht es mit eigentlich gut. Mir fällt gerade auf, dass ich diesmal ja eigentlich nur über Wetter und Politik geschrieben habe. Fehlen ja eigentlich nur noch meine Lieblingsthemen Essen und Fußball, denn die anderen gehören nicht hierher. Na ja, vielleicht beim nächsten Eintrag, denn eigentlich reicht das auch für heute. Auf Wiedersehen und bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: „Alter, hast du aber lange nichts mehr in deinem Blog geschrieben!“

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