Sibirien XVI: Back in the USSR

43783_24Omsk. Bei jedem „Mein-Auslandsaufenthalt“-Blog kommt wohl irgendwann die Zeit, bei der dem Autoren das reale Leben schon so zum Alltag geworden ist, dass er gar nicht weiß, was es darüber noch Interessantes zu berichten gäbe. Dann liest man oft Sätze wie: „Es tut mir leid, dass ich so lange nichts mehr geschrieben habe. Ich verspreche, dass ich das ab sofort wieder ändern werde.“ Man weiß dann schon: Das ist dann auch der letzte Eintrag. Abgesehen von der selbstbewussten Illusion, es gäbe LeserInnen, die händeringend auf den nächsten Eintrag warten würden und die Tage bis dahin zählen – eine Illusion, der ich natürlich ebenfalls verfallen bin -, treiben einen ja nur neue, aufregende Erfahrungen (oder, sorry, Geld) zurück an die Tasten. Diese zu machen, also Erfahrungen, nicht die Tasten, ist dabei nach gewisser Zeit wahrscheinlich eher Charakterfrage und der individuellen Neugier geschuldet als allein der Tatsache, in dann gar nicht mehr so fremder Umgebung zu leben. Ich bleibe neugierig. Ich habe eher das Gefühl, es wird immer aufregender. Nun:
Es tut mir leid, dass ich so lange nichts mehr geschrieben habe. Ich verspreche, dass ich das ab sofort wieder ändern werde.

Nein, das wird mit Sicherheit nicht mein letzter Eintrag. Toi toi toi. (Russland ist leider übrigens nicht dazu geschaffen, den eigenen Aberglauben endlich ablegen zu können.) Ich hatte gerade einen Text für unsere Zeitschrift hier (vitamin de) zu redigieren, in dem es um in Deutschland übliche Smalltalkthemen geht. Um hier also wieder ein bisschen in Fahrt zu kommen, orientiere ich mich einfach daran. Ich beginne mit dem absoluten Thema Nummer eins, das ich persönlich auch sehr schätze, während es allgemein doch zu oft als Lappalie abgetan wird. Von wegen! Unsere Abhängigkeit von diesem Thema wurde mir hier im sibirischen Winter erneut noch bewusster.

Wetter! Heute hat es satte -8 Grad in Omsk. Das sind 20 Grad mehr als bei meiner Wiederankunft Anfang Januar, bei der ich einen persönlichen Temperaturunterschied von exakt 30 Grad innerhalb der wenigen Stunden von Berlin via Istanbul nach Omsk physisch und irgendwie auch psychisch auffangen musste. Das ist aber noch gar nichts im Vergleich zu den wochenlangen -40 und weniger Grad im Dezember, denen ich unfreiwillig, aber ohne Sehnsucht aus dem Weg gegangen war. Man muss sich mal vorstellen, dass hier zwischen Winter und Sommer im Durchschnitt 80 Grad Unterschied liegen. Und das praktisch ohne längere Übergangszeiten. Mir wird spätestens bei diesem Gedanken deutlich, warum wir bei Mitteleuropa von der gemäßigten Klimazone sprechen.

Weiter Wetter: Zwar ist es heute und in den letzten Tagen also auf dem Papier recht warm hier. Da jedoch ein leichter Wind aufgezogen ist, ist es teilweise viel unerträglicher geworden, als es windstille -30 Grad sind. Ich finde es dabei einfach extrem erstaunlich, wie das Leben hier weitergeht: Keinesfalls so, als würde die Kälte nichts ausmachen, nein. Eher ist es die Art und Weise sich darauf einzustellen. Auch den Sibirjaken ist arschkalt, wenn es arschkalt ist. Sie müssen aber nicht unbedingt, wie der trottelige Tourist aus Europa, im straffen Winter Spaziergänge machen wollen, eine schicke, aber dünne Strickmütze tragen, unterwegs auf dem Handy ohne störende Handschuhe Nachrichten schreiben und checken oder sich VOR dem Restaurant verabreden statt darin. Nu, aus Fehlern lernt man. Unter anderem, was es heißt, in Sibirien zu leben. Man sagt: Der Sibirjak ist nicht derjenige, dem nicht kalt ist. Er ist derjenige, der sich warm anzieht. Dass die Damen dabei dennoch aussehen, als gingen sie auf den Opernball, soll hier nicht unerwähnt bleiben.

Harter Themenwechsel jetzt. Ich bin kürzlich übrigens zum mindestens zweiten Mal als Faschist bezeichnet worden, nachdem ich meine Herkunft offenbart hatte, konnte mich nach meiner Entrüstung aber über eine ernst gemeinte Entschuldigung freuen. Es muss sowieso mal gesagt werden, dass ich hier als Ausländer eher sehr positiv empfangen werde. Omsk ist kein Touristenmagnet, der Umgang mit Menschen aus anderen Ländern kein Alltag. So ist es entweder freundliche Überraschung und schüchtere Hilflosigkeit oder ernsthaftes Interesse und Herzlichkeit, die mir entgegenschlagen, wobei das in dem Zusammenhang ein unschöner Ausdruck ist. Dass mir neulich indes keine Fahne entgegenschlug, als ich mit dem Taxi frühmorgens vom Flughafen zu meiner Wohnung gefahren wurde, war im Nachhinein doch ein bisschen glücklich, wollte der Fahrer mit mir, dem Auswärtigen, doch unbedingt Wodka trinken gehen. Und zwar auf der Stelle, morgens um sieben, als Fahrer im Dienst. Als ich völlig übermüdet nach den anstrengenden Nachtflügen, dem Umsteigen, dem Warten und der hier recht nervigen Einreiseprozedur freundlich, aber bestimmt in weiterhin schlechtem Russisch ablehnte, verdoppelte sich prompt der Fahrpreis. Also ich fands lustig. Kennt hier übrigens jemand die russische Geste für „einen saufen gehen“? Bin mal gespannt.

Silvester und Neujahr sind für die Russen die wichtigsten Feiertage im Jahr. Schade also, dass sie nur einmal im Jahr stattfinden. Feiern macht eben Spaß. Also wo kämen wir denn hin, wenn sich da nicht ein Hintertürchen finden ließe? Und lange braucht man auch nicht zu suchen, nur ein gutes Jahrhundert in die Vergangenheit reisen, bis man fündig wird. 1918 wurde in Russland vom Julianischen auf den heute gültigen Gregorianischen Kalender gewechselt. Schon haben wir, ein Auge zugedrückt, zweimal Neujahr!!! Das bietet den Russen und ihren Gästen nicht nur Gelegenheit, erneut zu feiern, sondern mir auch die Möglichkeit, an dieser Stelle Euch allen rechtzeitig ein schönes altes Neues Jahr zu wünschen. СО СТАРЫМ НОВЫМ ГОДОМ!

PS. Hoffentlich schöne Bilder des wirklich sagenhaft fotogenen sibirischen Winters werden nachgereicht. Versprochen.

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2 Gedanken zu “Sibirien XVI: Back in the USSR

  1. Das freut mich sehr, dass es mit Berichten weitergeht, denn Russland und spezielle Sibirien wird für uns Westler sicher immer wieder eine Überraschung parat haben und uns in Erstaunen versetzen.

    Viele Grüsse aus dem nur -3 Grad kalten Zürich
    buechermaniac

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  2. gut smalltalken ist eine kunst, die nicht viele beherrschen. mich langweilt das häufig.

    smalltexten kannte ich bis eben nicht wirklich – doch diese kunst kannst du. wobei – wetter ist immer interessant, ob nun small oder big … und diese kälte, die du beschreibst, resp. den umgang mit ihr, übersteigt meine phantasie doch ziemlich.

    zieh dich warm an, kann ich da nur sagen!

    liebe grüsse aus den gemässigten zonen
    soso

    ps: sind nicht kommentare eine form von smalltexten? eigentlich …

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