(sehr sehr West-)Sibirien XV: Von den Reußen zu den Preußen

Am Zusammenfluss von Om und Irtysch in der Omsker Innenstadt ist noch ein bisschen fließendes Wasser zu erkennen - an warmen Tagen.

Am Zusammenfluss von Om und Irtysch in der Omsker Innenstadt ist noch ein bisschen fließendes Wasser zu erkennen – an warmen Tagen.

Berlin. Ja, richtig gelesen, Berlin! Ich bin zurück zu Hause. Jedenfalls vorläufig. Die Umstände meiner russischen Aufenthaltserlaubis führen dazu, dass ich einen guten Monat wieder von Berlin aus wirken werde. Weil Weihnachten da praktischerweise miteingeschlossen ist, ist es mir also vergönnt, die Adventszeit nach vielen Jahren mal wieder im Elternhaus zu erleben. So alt, so neu. Es ist allerdings gar viel komplizierter, als ich es mir vorgestellt hatte, von einer vertrauten Unvertrautheit in die unvertraute Vertrautheit zu wechseln. Die enorme Beschleunigung unseres Reisetempos in den letzten gut einhundert Jahren führt zu skurrilen Paradoxa: Ich hatte mich schon daran gewöhnt, dass alles so ungewohnt ist. Jetzt muss ich mich erst wieder daran gewöhnen, dass alles so gewohnt ist. (Wohlgemerkt gewohnt und nicht gewöhnlich, denn hier ist Berlin!)

Traditionelles sibirisches Holzhaus in Omsk

Traditionelles sibirisches Holzhaus in Omsk

Es fing schon damit an, dass ich beim Umstieg am Flughafen in Istanbul dem auf Englisch fragenden Schaltertypen (Ich wüsste zu gerne die korrekte Berufsbezeichnung, um es nicht so respektlos klingen zu lassen.) auf Russisch antwortete, wobei doch mein Englisch deutlich besser ist. Weiter ging es damit, dass ich mich im Auto, das mich vom Flughafen in Berlin abholte, bewusst anschnallen musste, um es nicht zu vergessen. Es ist immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich schlechte, aber bequeme Angewohnheiten zulegt. Aber am fiesesten war doch die Tatsache, dass mich Diva Berlin gleich am nächsten, jetlaggeplagten Morgen mit Schnee empfing. Schnee, dem ich eigentlich hoffte, für eine Weile entflohen zu sein. Es war aber nur ein kurzer Ärger, denn Schnee und Schnee können doch zwei sehr unterschiedliche Dinge sein – wie ich jetzt aus einer gewissen sibirischen Arroganz heraus doch sagen kann. (Oh Gott, hoffentlich liest das hier alles kein Sibirier, er/sie müsste sich ja richtig fremdschämen.)

Wer ist schuld am gelben Schnee: Beleuchtung oder schwarzer Tee?

Wer ist schuld am gelben Schnee: Beleuchtung oder schwarzer Tee?

Interessant war die Erfahrung des abendlichen Weihnachtsmarktbesuchs im südwestlichen Berlin. Lächelnde fremde Gesichter – ich war richtig erschrocken – sind eine Seltenheit in Sibirien, wenn man sie nicht eben durch einen fremdländischen Augenaufschlag voll charmanter Hilfsbedürftigkeit zum Lächeln bringt. (Anmerkung: Der Exotenbonus ist kein Mythos, er funktioniert!) Plötzlich aber war ich hier derjenige, der grimmig schaut, sich durch die Masse drängelt. Nicht, dass Sibirjaken unhöflicher sind als Berliner, denen ihre blumige Aufrichtigkeit ja ebenfalls immer wieder als Unhöflichkeit ausgelegt wird. Es gibt einfach andere sozial determinierte Verhaltensnormen. Egal: Sibirien ist in vielen Dingen echt richtig cool. Und Deutschland ganz genau so. Ich denke, man sollte in solchen Fragen der angeblichen Unterschiede nicht immer so ein großes Fass aufmachen. Wo Menschen sind, schlagen sie sich entweder die Köpfe ein, oder sie lieben sich, wobei ich mit großem Abstand das Zweitgenannte präferiere. Oder sie leben – und das ist wohl ein Kompromiss, der sich zumeist durchgesetzt hat – individuell nebeneinander her.

Kein Graffito, sondern meine Adresse

Kein Graffito, sondern meine Adresse

Wirklich wunderschön fand ich es, das Berlinerische wieder hören zu dürfen. Es geht mir so luftig leicht ins Ohr, dass es eine Wonne ist: dieses flapsige Nebenbei, der subtile Charme, der unvollendete Witz, die rauhe Melodie. Dies ist eine angenehme Erfahrung der Vertrautheit, die ich zurückließ, als ich gen Sibirien zog. Aber genau wegen dieses Zurücklassens fühle ich mich ein bisschen hin- und hergerissen. Denn auch in Sibirien gibt es Dinge, die ich zurückgelassen habe. Auf schizophrene Art konkurrieren sie mit jenen, die ich in Berlin zurückließ. Diese sibirischen Dinge und Erfahrungen sind neu und aufregend, die Berliner vertraut und wohlig. Frisch verliebt gegen ewige Liebe. Ich will mich nicht entscheiden. Muss ich?

Lustiges Erlebnis an einem meiner vorübergehend letzten Abende in Sibirien: Auf der Herrentoilette eines Cafés ertönt exakt während der Abhandlung des kleinen Geschäfts meines ähem Pissoirnachbarn dessen Handy. Und als ob das nicht schon lustig genug wäre, denn warum klingelt es immer exakt zu diesem ungünstigen Zeitpunkt?, ist der Klingelton so wunderbar der Situation angemessen: Es erklingt kein geringeres Musikstück als die ebenso wunderschöne wie erhabene russische Nationalhymne! Und obwohl ich lachen musste, habe ich keine aufs Maul bekommen. Denn dort, wo selbst der Zar zu Fuß hingeht, sind alle Menschen gleich.

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3 Gedanken zu “(sehr sehr West-)Sibirien XV: Von den Reußen zu den Preußen

  1. du schreibst einfach so schön (oh, was für ein blödes adjektiv) … die pissoirstory ist ganz grosses kino – die situation an sich und die erzählung davon.
    geniess berlin und das unvertraut-vertraute!

    liebe grüsse aus der schweiz
    soso

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  2. Die korrekte Bezeichnung weiß ich auch nicht, aber Bodenpersonal würde doch schon höflicher klingen als „Schaltertyp“ . Nur so als Vorschlag, zu einem im übrigen sehr lesenswerten Artikel. Und danke für die Fotos aus Sibrien, die erzählen ganze Geschichten.

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