Sibirien XIII: Intimitäten aus Omsk

Hübsches Aufmacherbild, das mit dem Inhalt des Textes rein gar nichts zu tun hat, aber zum Weiterlesen animieren soll. Die schmutzigen Tricks der Redakteure.

Omsk. Omsk könnte geografisch kaum attraktiver liegen: auf dem Breitengrad von Sylt und dem Längengrad der Malediven. Vielleicht ist das der Grund, warum es zu exakt diesem Zeitpunkt, da ich diesen Satz niederschreibe, hier im westsibirischen Tiefland mildere Temperaturen hat als in der schönsten aller Städte Berlin. Eigentlich wollte ich lange schon mit beeindruckenden Bildern vom sibirischen Winter punkten. Das bleibt mir vorläufig jedoch noch verwehrt. Dass ich darob gar nicht soooo enttäuscht bin, liegt an meinem weiterhin gewaltigen Respekt vor dem hiesigen Winterhalbjahr. Zur Entschädigung möchte ich daher intime und vor allem fotografisch illustrierte Einblicke in mein Privatleben geben, im Wissen, dass es doch eigentlich genau das ist, was die jedenfalls mir persönlich bekannten LeserInnen „draußen an den Bildschirmen“ am meisten interessiert. Beginnen möchte ich mit folgendem Geständnis: Das o auf meiner Tastatur klemmt! Das mag dem einen der anderen vielleicht als Lappalie vrkmmen, kann jedch ein grßes Prblem sein, wenn man in msk whnt, weiß dch jedes Kind, dass man im Russischen s viele ’s benutzt, dass man sie, wenn nur irgend möglich (ha, das ö geht!), als a ausspricht. Und das stimmt wirklich!

 

Intimer Blick I

Mein Ausblick den Großteil des Tages über: auf meinen Arbeitsplatz als Redakteur für „vitamin de – Journal für junge Deutschlerner„, entsandt vom Institut für Auslandsbeziehungen. Das russische Wort für arbeiten, работатъ, hat der Techniksprache übrigens das Wort Roboter geschenkt – und das russische Wort für Hund, собака, uns allen den guten Chewbacca vom Krieg der Sterne! Wer erkennt, wen oder was mein Desktopbild zeigt, darf mich zum Pausentee einladen.

 

Intimer Blick II

Der Blick von meinem Balkon Richtung Norden. Die Aufnahme ist allerdings zugegebenermaßen bereits einen Monat alt, die Bäume sind längst deutlich kahler. Wozu diese grauen containerartigen Bauten gut sind, konnte ich noch nicht in Erfahrung bringen, mutmaße aber, dass es sich um derzeit ungenutzte Garagen für Fahrzeuge während schneereicher Wintertage handeln könnte. Ich bleibe am Ball.

 

Intimer Blick III

Böse Zungen könnten behaupten, bei dieser Aufnahme sähen wir das Innere einer Strafanstalt. Aber eigentlich sehen hier alle Wohnungstüren so martialisch aus. Vorteile: einbruchsicher und (hoffentlich) winterabweisend. Das schnieke Portal vorne rechts führt direktemang in mein kleines russisches Reich, wo ich der Zar bin. Erst beim Betrachten des Bildes ist mir übrigens aufgefallen, dass die Trikolore der Farbgebung im Hausflur kein Zufall sein kann. Oder?

 

Der Intime Blick IV

… ist meines Erachtens fast zu intim, zeigt er doch mein Innerstes bzw. das, was demnächst mein Innerstes einmal von oben nach unten durchquert, um schließlich wieder… doch lassen wir das. Hier festlich angerichtet sieht man angebratene Pelmeni (Teigtaschen) mit Smetana (Schmand) und einem Glas Kvas (googelt es selber!). Sagen wir so: Es gibt nur wenige Tage, an denen eine Variante dieses Stillebens nicht mein Herz und anschließend meinen Magen erfreut.

 

Intimer Blick V

Das sibirische Nachtleben ist zuweilen eine verschwommene Angelegenheit. Die gute Nachricht: Es gibt eines in Omsk, das auch die verwöhnte Berliner Jöre halbwegs als solches anerkennt. Die schlechte Nachricht: Es gibt keinen öffentlichen Nachtnahverkehr. Die deshalb wieder recht gute Nachricht: Das Taxifahren ist hier im Vergleich so preiswert, dass man sich dabei nicht mal sonderlich dekadent vorkommt, was auch schon wieder ein bisschen schade ist.

 

Intimer Blick VI

Wirklich intim ist allerdings die folgende Beobachtung, die sich auf einen meiner früheren Einträge bezieht. Vor meiner Abreise nach Russland warnte mich meine russisch-ukrainische Klavierlehrerin eindringlich: „Russische Frauen sääähr gefährlich!

Endlich weiß ich, was sie damit meinte!

Nun ist es ja so, dass meine Klavierlehrerin eigentlich schon sehr gut Deutsch spricht. Aber nicht immer gelingt ihr alles ganz korrekt, weshalb ich ihre Warnung nun auf zwei Formulierungen hin interpretieren kann, die praktisch gleichbedeutend sind: 1. „Russische Frauen leben sehr gefährlich!“ Oder noch wahrscheinlicher, weil man im Russischen den Präsens des Verbs sein nicht ausspricht, sondern mitdenkt: 2. „Russische Frauen (sind) sehr gefährdet!“ Worauf sich das bezog, ist mir nun so klar wie der sibirische Wodk…äh Himmel. Es muss die Höhe der Absätze sein!

Wenn man die Absätze der hiesigen im täglichen Gebrauch befindlichen Damenschuhe aneinanderreihen würde, wäre die Strecke, die die Transsibirische Eisenbahn als längste Schienenstrecke der Welt zurücklegt, dagegen ein Babypups im Steppenwind. Und das bei Straßen-, Treppen-, Bürgersteig- und Witterungsverhältnissen, die jeder denkbaren DIN-Norm hohnsprechen. Diese Frauen haben meinen Respekt als Sportfan und Bewunderer der Akrobatik. Ich hoffe nur, sie wollen diese senkrechten Siebenmeilenstiefel auch wirklich tragen und tun es nicht nur, um irgendeinem Rollenbild zu entsprechen. Mir wurde jedenfalls Erstgenanntes versichert. Bestätigen kann ich nur, dass alle Frauen, die ich hier kennengelernt habe, zu Recht nach Höherem streben, und das mit ihren Absätzen eventuell nachhaltig illustrieren wollen, während sich die Männer, mich eingeschlossen, schon kindisch darüber freuen, wenn das Feuer im Grill ordentlich lodert, denn dann ist das Schaschlik bald fertig.

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12 Gedanken zu “Sibirien XIII: Intimitäten aus Omsk

  1. Das Olympiastadion Berlin ist zu sehen. Eine andere Frage: Wie schmecken den die Pelmeni? Und welchen Inhalt verbergen die Teigtaschen. Ich weiss, ich bin neugierig, aber Kulinarik interessiert mich eben sehr :)

    Grüsse aus der Kälte, nicht aus Sibirien aber aus der Schweiz

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    • Hallo buerchermaniac!
      Die Antwort ist natürlich richtig. :) Ich freue mich also auf den Tee.
      Pelmeni!!! Die Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn es gibt sie in unzähligen Varianten. Ich kann nur sagen, dass ich sie liebe. Sie sind natürlich vergleichbar mit Maultaschen, Ravioli etc., haben aber doch eigenen Charakter. Die häufigste Füllung ist leicht gewürztes Hackfleisch, oft mit Zwiebeln. Allgemein geht man hier wohltuend zurückhaltend und damit ja irgendwie auch bewusster mit Gewürzen um. „Zu salzig“ gibt es kaum (außer – igitt – beim Mineralwasser!), „zu scharf“ noch seltener. Es wird eher Wert auf den Eigengeschmack des Produkts gelegt. Was es aber gibt, ist „zu süß“. Daher bin ich vorsichtig mit den Pelmeni, die noch im Eisfach liegen: Sie sind mit Erdbeere gefüllt. Außerdem habe ich auch schon solche mit Kartoffelbreifüllung gegessen, die ich persönlich aber langweilig finde: Nudel mit Kartoffel… Ich ziehe jene mit Hackfleisch vor, von groß bis ganz klein, gekocht oder gebraten, regional verschieden gewürzt, immer mit Smetana. Mir wurde übrigens prophezeit, dass ich Pelmeni irgendwann nicht mehr werde sehen können, aber das bezweifele ich!
      Grüße in die Schweiz!

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      • Freut mich, dass ich recht hatte. Das mit dem Tee wird jetzt doch etwas schwierig, bis ich den nach Sibieren gebracht habe, ist der längst tiefgefroren ; aber solltest du irgendwann in unseren Breitengraden sein, können wir wieder darüber diskutieren. Vielen Dank für die ausführliche Erklärung der Pelmeni.

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      • Man lernt nie aus! Auch so eine Erfahrung von Auslandsaufenthalten… Nun, wie ich aus zuverlässiger Quelle erfahren habe, sind Pelmeni immer und ausschließlich jene mit Fleisch gefüllten Teigtaschen. Die anderen Versionen tragen andere Namen.

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  2. stadion hätt ich auch gesagt, aber dass es berlin ist, hätt ich nur geraten :-)
    toller bericht.
    das mit den russischen vorliebe für highheels habe ich grad in kate atkinsons‘ buch liebesdienste gelesen. wahnsinn …
    sibirische kälte haben wir auch in der schweiz, wie büchermaniac schon verraten hat. wobei … alles ist relativ.
    ich freue mich auf die fortsetzung!
    lg, sofasophia

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    • Hallo Sofasophia!
      Dankeschön! Ja, die Highheelmanie ist unfassbar. Ich bin echt gespannt, wie das hier im tiefen Winter werden wird. Aber vielleicht stellt sich ja heraus, dass diese Schuhe dafür ganz besonders geeignet sind, um nicht im Schnee zu versinken oder auf dem Eis zu schlittern. Vielleicht steige ich dann auch um …
      Unser Stadion erkennt man übrigens u.a. an der blauen Laufbahn. :)
      lg in die Schweiz zum Zweiten!

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