Sibirien VIII: Omsker Eindrücke. Urbanes Sibirien in bunten Bildern

Ich hab‘ noch einen Koffer.
Oder zwei. Oder drei

Circa 45 kg Gepäck müssen reichen, um ein Jahr in Sibirien leben und arbeiten zu können. Ob das hinhaut, wird sich erst herausstellen, wenn der Winter anbricht. Die Fluglinie reibt sich jedenfalls die Hände ob meines kostenpflichtigen Übergepäcks. Dafür jedoch ist der Anflug auf die Zwischenstation Istanbul absolut spektakulär! Wenn nur das Fliegen nicht wäre… Hat eigentlich jemand schon das Beamen erfunden? Man kricht ja nüscht mit hier zwischen Taiga und Steppe. Also ich kriege nichts mit – so viel Neues zu entdecken.

Radler und Radler

In Omsk gibt es eigentlich fast alles zu kaufen, was das Herz begehrt oder ganz und gar nicht begehrt. Also wie daheim. Bis jetzt aber muss ich folgende Fehlstellen listen: Currywurst, Fassbrause, unkitschige Souvenirs, Eisbein. Ja okay, im “deutschen” Restaurant hier, auf das ich an anderer Stelle noch zu sprechen kommen werde, steht Eisbein auf der Karte. Laut Zeugenaussagen soll dieses allerdings wenig mit herkömmlichem Eisbein zu tun haben. Im gleichen Lokal gibt es übrigens auch einen “beliebten original deutschen Cocktail”: Radler. Allerdings gibt man hier Sprudelwasser ins Bier. Wenn denn das Eisbein ähnlich „original“ sein sollte, dann bleibe ich doch lieber bei den hiesigen Spezialitäten. Also die Kombinationen aus Teig und Fleisch, die es hier gibt, sind – und jetzt kommt endlich der Zusammenhang zum Bild – kriminell gut.

A propos Radler: Ich bin ja einer, und zwar ein leidenschaftlicher! Mir wurde allerdings davon abgeraten, hier in Omsk das Fahrrad als normales Fortbewegungsmittel zu nutzen. In der Tat sieht man hier nur sehr wenige Radfahrer. Die meisten Räder, die man sieht, sind Mountainbikes – und das, obwohl die Gegend hier recht flach ist. Radfahren gilt hier wohl weniger als Teilnahme am Verkehr denn als Freizeitsport. Angesichts der gewöhnungbedürftigen Fahrweise vieler sibirischer Autolenker wäre mir auf dem Rad wohl sowieso etwas mulmig zumute. Zum Ausgleich gibt es hier wunderschöne Ladas (s. Foto), die man bei uns viel zu selten sieht.

Heimatgefühle

Beim Anblick dieses Schilds wird mir jungem altem West-Berliner ganz warm ums Herz. Wem nicht! Der unerwartete Umstand, dass der Luftbrücke jedoch ausgerechnet in einer ehemals sowjetischen Stadt gedacht wird, lässt mich trotzdem nur ganz kurz daran zweifeln, dass hier tatsächlich die Berliner Luftbrücke gemeint ist. Was denn bitte sonst? Es weiß doch jedes Kind, dass auch die Rosinenbomber wegen des historischen Nachtflugverbots von 1949 nur zwischen 9 und 19 Uhr fliegen konnten sowie sonntags nur sechs Stunden. Wahre Geschichte!
Ach, Berlin. Dass man deutlich heimatverbundener ist, als man immer dachte, zeigt sich oft erst bei Auslandsaufenthalten. Es ist nämlich so, dass wir bereits ein gemeinsames Kochen und Essen von Eisbein mit Kartoffeln, Sauerkraut und Erbspüree planen.
Und eine Skatrunde.

Hopfen und Malz – Gott erhalt’s!
Hunger und Durst – Nimm noch ’ne Wurst!

Das allererste Foto, das ich in Omsk schieße, entsteht in einem Supermarkt. Aufgrund der Nähe zu meinem Wohnort werde ich in diesem Geschäft künftig Stammgast sein. Die erstaunliche Gelegenheit, einen solch abstrakten Tatbestand passend zu visualisieren, konnte ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Gekauft habe ich dort u.a. Pelmeni (Nein, das ist kein italienischer Komponist, sondern das sind russische Tortellini/Ravioli/Maultaschen, die man mit Smetana isst.) und Smetana (Nein, das ist kein tschechischer Komponist … naja … jedenfalls nicht in diesem Zusammenhang, sondern Schmand.). Übrigens ist hier alles, was irgendwie mit Bier zu tun hat, mit vermeintlich deutschen Sprach- und Bildcodes ausgestattet. Das führt zuweilen zu sehr lustigen Markennamen, worauf noch einzugehen sein wird. In Russland sagt man sinngemäß: Bier zu trinken, ohne dazu Wodka zu trinken, sei rausgeschmissenes Geld. Von mir dazu nur: Das russische Bier ist nicht so gut wie das deutsche, der russische Wodka hingegen ist deutlich besser als deutscher. Und: Saufen ist natürlich IMMER rausgeschmissenes Geld! Kommt ja allet wieda raus…

Mein finsterstes Lächeln

Dieses Bild widme ich meinen Eltern, die zwar alles richtig gemacht, aber weder mit Landschafts- noch mit Ikonenmalerei etwas am Hut haben. Jedenfalls meines Wissens. Aber sie, und ein paar findige weitere Personen, wissen schon, worauf ich hinaus will. Alle anderen vertröste ich mit folgender Anekdote, um die freie Textfläche neben dem Foto auszufüllen: Es ist in Russland nicht üblich, fremden Menschen unterwegs freundlich zu begegnen, etwa indem man sie anlächelt. Mit Kartenverkäuferinnen in den Bussen z.B. handelt man sein Geschäft, den Kartenkauf eben, streng wortlos und möglichst arg grimmig ab. Anfangs ist das etwas verwirrend. Inzwischen habe ich mich angepasst und schaue alle Menschen auf der Straße mit finsterem Bick an. Mein Respekt vor dieser Sitte wird honoriert: Die Menschen blicken voll herzlicher Abneigung zurück, und plötzlich verwandelt sich ganz Omsk in ein großes Lächeln, die goldenen Türme der Kirchen funkeln freundlich im Sonnenschein, und der unendliche Himmel über Sibirien strahlt verbindlich mit allen Menschen um die Wette. Nennt mich kitschig, aber auch diese Sitte, Kitsch, siehe z.B. nebenstehendes Foto, respektiere ich uneingeschränkt.

Omsk City Underground

Die Organisation des Öffentlichen Personennahverkehrs in Omsk wird der Größe und Quirligkeit der Stadt sowie der Ausgehfreudigkeit ihrer Bewohner nicht gerecht. Zwar gibt es ein paar Straßenbahnen und etliche Buslinien. Aber die Straßen sind oft heillos verstopft. Die Tatsache, dass sehr viele privat betriebene Marschrutki, Kleinbusse mit festen Strecken und einem deutschstämmigen Namen, den öffentlichen Verkehr unterstützen, ist ein Zeichen für fehlende entsprechende Infrastruktur von städtischer Seite. Der Individualverkehr per Auto boomt daher.
Es wird seit genau 20 Jahren eine U-Bahn gebaut. (Link zum Metroplan Omsk) Benutzen kann man sie nicht. Die sichtbarsten Folgen des U-Bahnbaus sind eine majestätische Brücke über den Irtysch sowie die als Unterführungen zwischengenutzten Katakomben zu den geplanten Stationen. Im Gegensatz zu den anderen in der Stadt vorhandenen Unterführungen, die einem dankbarerweise das Überqueren krasser Kreuzungen ersparen, herrscht in den U-Bahnvorhöfen kein Trubel. Andernorts sind die Unterführungen voll kleiner Geschäfte und werden mit Musik und Werbung beschallt; irgendwie ganz nett, weil nicht so trist und stinkig wie oft in deutschen Städten.

Sibirische Sommmernächte
Ich hatte bislang Glück. Auf zwei frühherbstliche folgten bis jetzt nur noch angenehm spätsommerliche Tage. Der Respekt vor dem Winter ist groß, und ich bin nicht eben traurig, wenn dieser sich noch etwas Zeit lässt, bis er sacht über Nacht mit all seiner Macht und Pracht und der angemessenen Tracht diesen Teil der Erde für lange Monate in seine Obhut nimmt. Gar der mächtige Irtysch soll zufrieren, so dass auf ihm gefahrlos gewandert und Schlittschuh gelaufen werden kann; bei, so wird es kolportiert, zumeist prächtigstem Sonnenschein trotz minus 30 Grad. Zurzeit herrschen dagegen bis zu knapp plus 30 Grad. Und wenn die Sonne im Westen über dem Irtysch untergeht und ihre Strahlen die historischen (sprich: kürzlich nachgebildeten) Stadttore illuminieren, ist Väterchen Frost noch genau so weit weg wie ich von Zuhause.

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Ein Gedanke zu “Sibirien VIII: Omsker Eindrücke. Urbanes Sibirien in bunten Bildern

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